Die mittelalterliche Frauenmystik
Christine Ebner

Zusammenfassung
Mit Mystik lässt sich eine geistige Einstellung beschreiben, die sich dem Jenseitigen und Transzendenten nicht rational begrifflich nähert sondern das individuelle, persönliche Erleben des Göttlichen in den Vordergrund stellt. Dieses Erleben vermag man nicht sprachlich zu fassen. Nur mit Hilfe von Bildern oftmals ekstatischen Inhalts kann es zum Ausdruck gebracht werden.
Mystische Richtungen lassen sich in nahezu allen Religionen feststellen. Fast immer standen ihre Anhänger im Konflikt mit den anerkannten Glaubenssätzen und institutionalisierten Riten der offiziellen Religionsgemeinschaften.
Die Mystik des deutschen Mittelalters kennt so herausragende Persönlichkeiten wie Meister Eckhard( 1260 – 1327), Heinrich Seuse (1295 – 1366) oder Johannes Tauler (1300 – 1361). Daneben hat sich eine Frauenmystik herausgebildet, die oftmals ganz eigene Züge annimmt. Hildegard von Bingen (1098 – 1179), Mechthild von Magdeburg (1247 – 1299) und auch Christine Ebner (1277 – 1356) aus Engelthal sind bekannte Vertreterinnen.
Eng mit der Frauenmystik ist die Brautmystik verbunden, die entscheidende Impulse von Bernhard von Clairvaux empfangen hat. In der Brautmystik werden die inneren, die ganze Person erschütternden Erlebnisse, die sich nicht begrifflich darstellen lassen, mit erotischen Bildern zum Ausdruck gebracht.
Die Brautmystik hat oftmals zu einer schwer nachvollziehbaren Fehldeutung und erschütternden Fehlentwicklung geführt. Mit Hilfe von Askese, Kasteiungen und vergleichbarer Missachtung elementarer menschlicher Bedürfnisse wurde ein außergewöhnlicher Bewusstseinszustand erreicht, dessen direkt erotischer Gehalt nur zu offensichtlich ist und den man nur als psychopathisch bezeichnen kann. Es entstanden Lebensformen, die ganz dem humanistischen Ideal widersprechen, das eine Entfaltung der dem Menschen möglichen Fähigkeiten und Möglichkeiten anstrebt.
Die Lebensbeschreibungen, die Christine Ebner von Nonnen aus dem Dominikanerinnenkloster Engelthal geben hat, sind hier ein Beispiel, das für viele steht.
Eine ausführliche Beschäftigung mit der Frauenmystik und insbesondere mit der Brautmystik kann Warnung sein, sich nicht unkritisch und irrational einem mystischen Spiritualismus zu überantworten.

1 Die Patrizierfamilie der Ebner

Die Familie Ebner gehört zu den ältesten und einflussreichsten Patrizierfamilien in Nürnberg. Ab 1323 bis zum Ende der reichsstädtischen Zeit entsandte sie Mitglieder in den Inneren Rat, das wichtigste Organ der Stadtverwaltung. Dieser Familie gehörte Christine Ebner an, die von 1277 bis 1356 lebte, bereits mit 12 Jahren in das Kloster Engelthal eintrat und die als bedeutende Mystikerin des 14 Jahrhunderts gilt.
Der Wohlstand der Familie gründete auf Finanzgeschäften, so z.B. mit dem Kaiser Ludwig IV. Dazu kamen Handelsprivilegien für Bergbau und Textilien in Ungarn und Flandern. Weiterhin gab es wichtige Geschäftsverbindungen nach Prag.
Früher Reichtum erlaubte es ihnen, maßgeblich beim Bau des Klaraklosters mitzuwirken.
Friedrich Ebner stiftete 1293 das erste Nürnberger Seelhaus am Paniersplatz. Ein Seelhaus war ein meist von einer reichen Familie gestiftetes Wohnhaus für Beghinen oder Seelnonnen, allein stehende Frauen, die in klosterähnlicher Gemeinschaft lebten und sich der Pflege und Betreuung von Kranken, Sterbenden und Gefangenen widmeten.

Die Patrizierfamilie Ebner hat im Jahr 1429 ein farbig gefasstes Holzrelief gestiftet. Es zeigt eine Madonna, die das Christuskind stillt. Rechts daneben kniet Christine Ebner, die im Dominikanerinnenkloster Engelthal bei Nürnberg zunächst Nonne und dann später Äbtissin war. Darunter befindet sich die folgende Inschrift:

„Die selige Christine Ebner wart geborn anno domini M cc Ixxxvii jar und wart Ixxix jar alt und starb anno domini Mccc Ivi an sant Johanes tag zu weihnachtn und lebet seliglich im orden zu Engeltal do liegt sie begraben bitte gott für das geschlecht der Ebner“

Darunter findet man eine Tafel mit Bildnissen von 5 Familienmitgliedern der Familie Ebner mit den Jahreszahlen 1384 bis 1490 und die folgende Inschrift:

„Anno domini M cccc xxix Am Erichtag nach st. Paulitag do starb Albrecht Ebner den god genad. Anno domini Mcccc xxix Am Lorentztag Starb Agnes Pömerin Sein Hausfraw der gott genad“

2 Maria lactans

Maria war in der Romanik die Himmelskönigin. Sie wurde immer hoheitsvoll und mit ernsten Zügen wiedergegeben. Entrückt und weltfern sitzt sie von Engeln umgeben auf einem himmlischen Thron. Der auf dem Schoß oder auf dem Arm gehaltene Jesusknabe war oftmals größer als seinem Alter angemessen. Er wird als zukünftiger Weltenrichter majestätisch und mit einer zum Segensgestus erhobenen Hand wiedergegeben. Ein schönes Beispiel ist die Madonna von Duccio di Buoninsegna (1255 – 1319) aus Siena.

Duccio di Buoninsegna, Mutter Gottes

Ganz anders zeigt das Epitaph der Familie Ebner Maria, die das Jesuskind stillt. Diese Darstellung, die das menschlich-mütterliche in den Vordergrund stellt, erfreute sich im Spätmittelalter besonderer Beliebtheit. Maria neigt sich liebevoll und fürsorglich ihrem Sohn zu. Auch Jesus selbst wird ganz menschlich gesehen. Mit roten Bäckchen schmiegt er sich an die Brust seiner Mutter. Das gewissenhafte Auge entdeckt, dass der Künstler unserem Jesus sogar ganz liebenswert realitätsnah und wenig weltenrichterlich ein kleines Hodensäckchen mitgegeben hat.
Es gibt zahlreiche Darstellungen dieser Art. Man hat diese Maria als Maria lactans bezeichnet. Ein weiteres Beispiel unter vielen neben der Maria auf dem Ebner Epitaph ist z.B. die Maria lactans von Hans Memling (1433 - 1494). Das leichte, ein wenig verträumte, nach innen gekehrte und liebenswerte Lächeln, mit der die Muttergottes ihren Sohn betrachtet, macht den Reiz und den Charme dieser Darstellungen aus. Ganz menschliches und tief empfundenes Mutterglück strahlt dem Betrachter entgegen.

Hans Memling, Maria lactans

3 Das Dominikanerinnenkloster Engelthal

Es war das Dominikanerinnenkloster Engelthal, in das Christine Ebner bereits als 12-jähriges Mädchen eintrat, in dem sie ihr Leben verbrachte, zahlreiche Ämter im Kloster bekleidete und schließlich sogar Priorin wurde. Hier war es auch, wo sie ihr kleines Buch „Von der Gnaden Überlast“ schrieb, durch das wir das Innenleben eines Klosters zur damaligen Zeit genauer kennen lernen können. Mit Interesse, aber auch mit einer gewissen Hilflosigkeit blicken wir auf die damaligen Ereignisse. Mit unserem gegenwärtigen Weltverständnis können wir nur sehr schwer und nur mit größter Mühe nachvollziehen, was in den Köpfen und Herzen der damaligen Menschen, insbesondere der Nonnen des Klosters Engelthal vorging.
Das Kloster Engelthal und mit ihm Christine Ebner waren am Anfang des 14. Jahrhunderts ein bekannter Ort, der für seine frommen Konventualinnen berühmt war und der sogar vom Burggrafen von Nürnberg und vom Kaiser Karl IV besucht wurde. Auch die Geissler kamen auf ihren Zügen durch Franken im Jahre 1349 kurz nach Engelthal, um mit Christine Ebner zu sprechen und sich ihren Segen geben zu lassen.
Es ist sehr aufschlussreich und erhellt das Umfeld, in dem Christine Ebner lebte und wirkte, wenn man sich die Geschichte des Klosters vom Anfang im 13. Jahrhundert bis zur Auflösung nach der Reformation vor Augen führt. Wir sehen dann einen mühsamen, arbeitsreichen Beginn, eine erfolgreiche Weiterentwicklung, die auch vor Fälschungen nicht zurückschreckte, einen Höhepunkt zur Zeit der Christine Ebner am Anfang des 14. Jahrhunderts, als Engelthal für seine Frauenmystik berühmt war, bis hin zum schmählichen Verfall zu Beginn des 16. Jahrhunderts, als die Ordnung und Zucht gänzlich verloren gegangen waren und eine Reform nur mit Gewalt durchgesetzt werden konnte. Im Jahre 1565 wurde das Kloster schließlich aufgelöst.
Eine sehr ausführliche und unbedingt lesenswerte Darstellung der Geschichte des Kloster Engelthal findet man in [ 1 ]. Die nachfolgende Beschreibung stützt sich auf diese Quelle.

3.1 Die kulturhistorische Ausgangssituation vor der Klostergründung

Ausgangspunkt war eine religiöse Bewegung zu Beginn des 13. Jahrhunderts, als viele Menschen von den Predigten der Bettelorden der Franziskaner und Dominikaner ergriffen wurden und ihren Besitz verschenkten um in der Nachfolge Jesu ein Leben wie der Heilige Franziskus in Armut zu führen. Dieser Lebensform wandten sich auch viele Frauen zu. Besonders ledige und verwitwete Frauen aus einfacheren Gesellschaftsschichten fanden hier eine sichere Lebensgrundlage und eine achtbare soziale Stellung in der mittelalterlichen Gesellschaft.
Der Eintritt in ein Frauenkloster war ihnen nicht möglich, weil der Zugang in der Regel an eine Mitgift von beträchtlicher Höhe gebunden war. Diese Frauen schlossen sich zu freien Frauenkonventen ohne Bindung an einen Orden zusammen. Sie lebten in primitiven Räumen in höchster Armut. Sie beteten, bettelten und fasteten gemeinsam. Zumeist widmeten sie sich der Krankenpflege, Bestattungsaufgaben und anderen Fürsorgediensten. Man nannte sie Beghinen.
In Nürnberg gab es zu Beginn des 13. Jahrhunderts eine Beghinengemeinschaft um Adelheit Rotterin. Die Überlieferung mit ausgeprägt legendärem Charakter sagt, dass Adelheit die junge 4-jährige Prinzessin Elisabeth als Harfenspielerin auf ihrem Weg von Ungarn nach Thüringen begleitete, wo sie mit dem künftigen Landgrafen Ludwig verlobt und verheiratet werden sollte. Da Adelheit ihr sundiges ampt nicht weiter betreiben wolle, ließ sie sich in Nürnberg nieder und sammelte einen Kreis von Beghinen um sich. Als am 11. April 1240 das kaisertreue Nürnberg in der Auseinandersetzung zwischen Papst und Kaiser mit Bann und Interdikt belegt wurde, verließen die Beghinen die Stadt.
An dieser Stelle kreuzt sich der Entwicklungsfaden der Beghinen mit dem des Reichsministerialen Ulrich II. von Königstein.
Die Reichsministerialen waren anfangs kaiserliche Verwaltungsbeamte die von den Saliern im 11. Jahrhundert zur Verwaltung der Reichsterritorien eingesetzt wurden. Im Laufe der Zeit wurden diese Ministerialen immer unabhängiger. Sie erwarben eigenes Vermögen sowie eigenen Grundbesitz und versuchten, den Adel in dessen Lebensformen zu imitieren, indem sie z.B. wie dieser Burgen bauten und sich ein eigenes ritterliches Gefolge zulegten. In diesem Zusammenhang begannen sie auch Klöster zu gründen, um in der Klosterkirche eine würdige Grablege zu haben und um sicherzustellen, dass Seelenmessen und Vigilien für ihr Seelenheil abgehalten wurden. Weiterhin konnte man im Konvent seines Klosters auch jüngere Töchter unterbringen, für die man keinen passenden oder standesgemäßen Ehemann finden konnte. Hinzu kam, dass die Stifterfamilien oftmals die Vogtei über den Besitz der Klöster behielten. Das bedeutete, dass ein beachtlicher Teil des vom Kloster erwirtschafteten Gutes an die Stifterfamilie zurückfloss und nur ein geringer Teil dem Kloster selbst zugute kam. Langfristig erwies sich damit eine Klosterstiftung für den Stifter als durchaus lohnendes und gewinnbringendes Geschäft.
Trotzdem darf man auch den religiösen Hintergrund der Stiftungen nicht übersehen. Wohltätigkeit war ein bestimmendes Motiv. Man erhoffte sich durch gute Werke eine günstige und wohlwollende Beurteilung am Jüngsten Gericht.
So sind die Motive für eine Klostergründung ein nicht auflösbares Gemenge von Repräsentationsbedürfnis, familiären und wirtschaftlichen Überlegungen und frommen Anliegen.

3.2 Die Klostergründung durch Ulrich II. Königstein
Zu den größten und besitzreichsten Ministerialengeschlechtern im Nürnberger Umkreis gehörten die Königstein. Ulrich II. von Königstein trug sich um das Jahr 1240 herum mit dem Gedanken, sicherlich aus den beschriebenen Gründen für sich und seine Familie ein Kloster zu gründen. Wohl durch persönliche Bekanntschaft wurde er auf die Beghinen um Adelheit Rotterin aufmerksam, die gerade Nürnberg verließen und eine neue Bleibe suchten. Er bot ihnen zunächst auf einem ihm gehörenden Besitztum Engelthal eine behelfsmäßige Unterkunft.
In der Urkunde wird den Beghinen eine Schenkung einschließlich des vollen Vogtrechtes zugesprochen. Damit waren die Beghinen von jeglicher Abhängigkeit von kirchlichen oder weltlichen Machthabern befreit und waren zu keinerlei Abgaben verpflichtet. Dieser Sachverhalt war im Laufe der Klostergeschichte immer wieder ein Anlass zu erbitterten Streitigkeiten, die sogar bis zum Kaiser gelangten. Man nimmt in der Zwischenzeit an, dass die überlieferte Fassung der Schenkungsurkunde eine Fälschung ist, die vom späteren Kloster eingesetzt wurde, um sich im Jahre 1248 vom Papst Innozenz IV. in einem Schutzbrief die gewünschten Privilegien bestätigen zu lassen.
Christine Ebner hat in ihrem Büchlein Von der Gnaden Wunderlast die ersten Jahre in Engelthal beschrieben. Man kann davon ausgehen, dass Christine Ebner noch alte Beghinen persönlich kannte, die die Anfangszeit miterlebt hatten. Christine Ebner schreibt (Zitiert nach [ 1 ]):

„Da versuchte sie God, als man daz golt in dem feuer tut, und musten groz arbeit haben und musten selber ir korn sneiden und waschen und bachen und alle dinstliche werk tun.“

Zwischen 1341 und 1343 stürzte der Enkel Ulrich II. vom Pferd und verletzte sich tödlich. Damit verlor das Geschlecht der Königstein den letzten männlichen Erben. Im selben Jahr übergab der gramgebeugte Ulrich II. seine gesamten Besitzungen um Engelthal an die Beghinengemeinschaft. Diese Besitzungen waren die Grundlage und die Ausgangssituation für den reichen Besitz des Klosters in späteren Jahren, als dem Kloster 327 Höfe und Güter in 66 Orten unterstanden. Dazu kamen 36 Orte, die den Zehnten an Engelthal abführen mussten. Kein Wunder, dass dieser Reichtum immer wieder die Begehrlichkeiten anderer, auch der Stadt Nürnberg weckte.
Mit der Übergabe der Besitzungen in Engelthal durch Ulrich II. waren die wirtschaftlichen Voraussetzungen geschaffen, um sich einem Orden anzuschließen, da man nur diejenigen Gemeinschaften als Kloster in den Orden aufnahm, die vermögend genug waren, um ihre Konventualinnen aus eigenen Einkünften versorgen zu können. Die Beghinengemeinschaft entschied sich für den Dominikanerorden. Die endgültige Anerkennung erfolgte im Jahre 1248 durch Papst Innozenz IV.
Der Ordensgeneral und der Provinzial der Dominikaner waren von jetzt an für den geistlichen Fortschritt und das Seelenheil der ihnen anvertrauten Nonnen verantwortlich. Damit oblagen dem Orden die regelmäßige Visitation, Beichthören und das Spenden der Sakramente, da nur männliche Mitglieder des Ordens diese seelsorgerlichen Aufgaben übernehmen durften.

3.3 Der Höhepunkt im Leben des Klosters Engelthal
Den geistigen Höhepunkt erlebte das Kloster in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Es war zugleich die Zeit, in der auch Christine Ebner Mitglied des Konvents war. In ihrem Büchlein „Von der Gnaden Überlast“ beschreibt sie das sehr rege religiöse Leben der Nonnen, die sich einer intensiven Frauenmystik zugewandt hatten. Eine ausführliche Beschreibung und eine kritische Würdigung dieser Vorgänge erfolgt anschließend.

3.4 Der Verfall der monastischen Ordnung
Die strenge Zucht und die asketische Lebensführung, die die Nonnen am Anfang des 14.Jahrhunderts auszeichnete, ließen sich nicht lange durchhalten. Ein Grund für den Verfall lag wohl in der Tatsache, dass adlige Familien, die ihre Töchter ins Kloster gaben, diesen die Nutznießung der zum Eintritt erforderlichen Mitgift übertrugen, um ihnen im Kloster eine standesgemäße Unterbringung und ein angenehmes Leben zu ermöglichen. War doch der Grund für den Eintritt ins Kloster weniger religiöse Überzeugung als vielmehr der Wunsch nach guter Versorgungund standesgemäßer Unterbringung. Erst nach dem Tod fiel dieses Vermögen der neu Eingetretenen an das Kloster. Mehr und mehr wurde dadurch das Kloster in die Rolle einer bloßen Versorgungsanstalt für adelige und patrizische Töchter hineingedrängt. Das hatte zur Folge, dass das Armutsideal Schritt für Schritt an Bedeutung verlor, bis sich zuletzt im Kloster ein nahezu aufwändiger Lebensstil durchsetzte. Wie in anderen Klöstern auch kam dazu ein vollständiger Verfall der Sitten. Das Kloster war wegen des unzüchtigen Lebens der Klosterfrauen geradezu verrufen. In einem Bericht liest man (Zitiert nach [ 1 ]):

Die nunen von Engelthal ligen in einem unerlichen scheusslichen wesen und haben sampt der Priorin ihres gethanen gelubts vergessen, die Gots forcht zurucksezen, ein unzuchtig, unverschämt und aller ding ungeistlich leben furen, in manicherley weis ubertreten und misshandeln…Es hatten sich auch etlich nit geschewet, kinder zu gepern.

Diese entwürdigenden und abstoßenden Zustände hatten am Ende des 15. Jahrhunderts dazu geführt, dass sowohl der Orden wie auch die Stadt Nürnberg auf eine Reform drängten, der sich die Nonnen jedoch energisch widersetzten. Schließlich ordnete der deutsche Provinzial die Reform des Klosters unter Beiziehung der weltlichen Gewalt an. Diese Anordnung wiederholte Papst Leo X. zu Rom und forderte die Stadt Nürnberg zur Unterstützung auf.
Eine sehr anschauliche und lebendige Beschreibung der Vorgänge findet man in [ 1 ]:

Am 1. Oktober 1513, morgens um 7 Uhr standen der Prediger-Provinzial und der Prior des Dominikanerklosters in Nürnberg Johann Heinlein mit den Ratsherren Hieronymus Ebner, Jakob Muffel, und Georg Fütterer als Vertreter der Stadt und drei Notaren an der Spitze eines Zuges von Reisigen vor dem Kloster und begehrten Einlass. Im Zuge befanden sich zehn reformierte Nonnen aus dem reformierten Kloster St. Katharina in Nürnberg.
Da die Priorin die Öffnung des Klosters ablehnte, ließ es der Provinzial stürmen. Nun erhob sich ein großer „unweyblicher streit, clag und jammer“. Einige „derselben weyber…in verges aller weiblichen zucht und scham“ läuteten die Sturmglocke, andere beschimpften den Provinzial und die Ratsherren mit „groben und unzuechtigen schmechworten“. Ein paar wackere Nonnen schlugen sogar die Nürnberger Stadtknechte und rissen ihnen die Waffen aus den Händen…
Jetzt riss dem Provinzial die Geduld. Er ließ die Priorin, die Subpriorin Martha Kürmreuther sowie die Nonnen Anna von Steinling, Kunigunde Teuerlingin und Katharina Erlbeck ergreifen und in Ketten legen. Dann wurden alle Amtsschwestern ihrer Ämter enthoben. Diese wurden durch Nonnen von St. Katharina aus Nürnberg neu besetzt.

Ganz allmählich gelang es, in Engelthal den Frieden wiederherzustellen und ein geordnetes, wenn auch im Vergleich zu früher deutlich erleichtertes Klosterleben durchzusetzen.

3.5 Das Ende des Klosters zur Zeit der Reformation
Der Rat der Stadt Nürnberg neigte bereits 1521 der Reformation zu. Die drei Kirchen St. Lorenz, St. Sebald und Hl. Geist waren mit lutherisch gesinnten Geistlichen besetzt.
Nach dem Nürnberger Religionsgespräch vom 17. März 1525 wurde der lutherische Glaube in Nürnberg offiziell eingeführt. Von diesem Zeitpunkt an arbeitete man langsam, aber entschlossen auf die Auflösung der Klöster hin. Nur ganz zögerlich und nach vielen Rückschlägen kamen diese Bemühungen zum Erfolg. Besonders die Nonnen in den Frauenklöstern weigerten sich oft standhaft, den neuen Glauben anzunehmen, das Kloster zu verlassen und die großzügig angebotenen wirtschaftlichen Hilfen zur Existenzsicherung anzunehmen. Das trifft auch für die Nonnen aus Engelthal zu. Noch im Jahre 1552 entschieden sich 10 Nonnen von Nürnberg aus in das während des Zweiten Markgrafenkrieges zerstörte Kloster zurückzukehren.
Der Rat griff nicht weiter in das Klosterleben ein und ließ die Nonnen mit ihren kirchlichen Gebräuchen gewähren. Er verbot allerdings die Neuaufnahme von Nonnen in den Konvent. Daher starb das Kloster langsam aus. Im Jahre 1565 waren nur noch die Priorin Anna Tucher und die Konventualin Ursula Zeißin am Leben. Beide übergaben in diesem Jahr das Kloster mit seinem umfangreichen Besitz an den Rat der Stadt Nürnberg. Damit war die wechselvolle Geschichte des Klosterlebens in Engelthal zu einem Ende gekommen.

4 Christine Ebner und die Brautmystik in Engelthal

Die Mystik gehört einer Weltsicht an, die sich in nahezu allen Religionen findet. So ist z.B. im Buddhismus die Mystik im Zen besonders ausgeprägt. Der Hinduismus kennt den Brahmanismus, der Islam den Sufismus und das Judentum den Chassidismus. In Europa gibt es eine kontinuierliche mystische Strömung, die sich von Plotin über Augustinus, Meister Eckhard, Johannes vom Kreuz, Theresa von Avilla und Jakob Böhme bis in unsere Zeit zieht.

4.1 Die Mystik
So unterschiedlich die einzelnen kulturbedingten Ausprägungen der Mystik auch sein mögen, so gibt es doch einige grundsätzliche Eigenschaften, die einer gemeinsamen Tiefenschicht angehören und die alle mystischen Überzeugungen gemeinsam haben.
Hierzu gehört zunächst als ontologische Bestimmung, dass die Mystik hinter der alltäglichen Gegenstandswelt, wie sie uns durch die Sinneseindrücke vermittelt wird und wie sie in unserem Vorstellungsvermögen erscheint, eine andere, tiefere Wirklichkeit annimmt, der ein höherer Realitätsgrad zugeschrieben wird und der gegenüber unsere Erscheinungswelt als nur vordergründig gilt. Dieser Urgrund, der hinter der Erscheinungswelt steht, wird mit unterschiedlichen Namen bedacht und bezeichnet trotz individueller Verschiedenheiten eine vergleichbare Vorstellung. Laotse nennt diesen Urgrund Tao, die Hindus Brahma, die Buddhisten Shunya. Im westlichen Kulturkreis spricht man vom letzten Seinsgrund. Gelegentlich wird auch der Begriff Gott verwendet, insbesondere, wenn das Göttliche unpersönlich gesehen wird wie es z.B. in jeglicher Ausprägung einer theologia negativa der Fall ist.
Dieser Seinsgrund kann rational nicht erkannt und auch nicht begrifflich gefasst werden. Verstand und Sprache haben ihre Bedeutung und Berechtigung in der Erscheinungswelt. Für die Beschreibung der hinter der Erscheinungswelt liegenden Wirklichkeit sind sie untauglich. An ihre Stelle muss eine ganz anders geartete Weise des Zugangs treten. In der Tiefe der Seele wird dieser Seinsgrund erahnt und erlebt. Man kann sich nur von ihm mit seiner gesamten Persönlichkeit erfassen lassen. Die in der Erscheinungswelt gültige Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Erkennendem und Erkenntnisgegenstand ist aufgehoben. In der unio mystica verschmilzt der Gläubige mit Gott, er wird eins mit ihm und erlebt ihn daher nicht als Gegenüber sondern geht in ihm auf und wird eins mit ihm. Bei Meister Eckhard (1260 – 1327) liest man beispielsweise über die mystische Gotteserfahrung (Zitiert nach [ 3 ]:

Wir werden völlig in Gott umgeformt und in ihn verwandelt; auf gleiche Weise wie im Sakrament das Brot verwandelt wird in den Leib Christi, so werde ich in ihn verwandelt, dass er selbst mich hervorbringt als sein Sein, als eines, nicht etwa nur als ein gleiches. Beim lebendigen Gott ist es wahr, dass da kein Unterschied besteht.

Diese Gotteserfahrung im tiefsten Seelengrund bedarf eines besonderen Bewusstseinszustandes. Das Alltagsbewusstsein taugt an dieser Stelle nicht. Vielmehr muss man alle Einflüsse der äußeren Welt ausschließen und innerlich ganz leer werden, um sich befreit vom beschwerenden Ballast und allen störenden Einflüssen der Erscheinungswelt dem Göttlichen zu öffnen und sich von ihm erfüllen zu lassen. Bei Johannes Tauler (1300 – 1361)liest man beispielsweise (Zitiert nach [ 3 ]):

Wie edel und lauter auch die irdischen Bilder sind, alle sind sie ein Hindernis dem Bild bar jeder Form, das Gott ist. Die Seele, in der sich die Sonne spiegeln soll, muss frei sein und ledig aller Bilder; denn wo sich irgendein Bild in dem Spiegel zeigt, da vermag die Seele Gottes Bild nicht aufzunehmen.

Um diesen besonderen Bewusstseinszustand zu erreichen, der allein mystische Gotteserfahrung möglich macht, kennen verschiedene Kulturen verschiedene Zugangsweisen. Sie reichen von außergewöhnlichen Sitzpositionen und besonderen Atemtechniken über Askese wie z.B. Fasten, Schlafentzug oder Schweigepflicht bis zur Selbstkasteiung. Allen gemeinsam ist die Tatsache, dass natürlichen Bedürfnissen in schwerwiegender und das menschliche Befinden zerstörender Weise nicht entsprochen wird.
In der christlichen Mystik ist es üblich geworden, sich die Annäherung an das Göttliche als einen Weg vorzustellen, der mit der Reinigung (via purgativa) beginnt, den Zustand der Erleuchtung (via illuminativa) einnimmt und schließlich in dem Einswerden mit Gott (via unitiva oder unio mystica) endet.
Die Gotteserfahrung im Seelengrunde ist ein ausschließlich persönliches Erlebnis, das sich nicht begrifflich fassen und mit Hilfe der Sprache beschreiben läßt. Alle, denen mystisches Erleben zuteil geworden ist, stehen vor der Schwierigkeit, das, was nicht mit Worten dargestellt werden kann, mit Worten darstellen zu müssen. Als Ausweg bietet sich die Verwendung von Metaphern und Bildern an. Um das ekstatische Außersichgeraten, das mystisches Erleben charakterisieren und vermitteln zu können, greifen die Mystiker oftmals auf erotische Bilder zurück, mit denen sie in übertragener Weise das alles überflutende Glücksgefühl zum Ausdruck bringen wollen, das sich einstellt, wenn die liebende Seele mit dem allgütigen Gott zusammenkommt und mit ihm eins wird. So schreibt Mechthild von Magdeburg ( 1212 - 1280 ) (Zitiert nach [ 3 ]):

Aber mich jammert das von Herzen sehr…, dass ich die wahre Erkenntnis und die heilige, herrliche Beschauung niemandem beschreiben kann, außer allein mit jenen Worten, die mich allzu klein dünken gegenüber der ewigen Wahrheit.

An einer anderen Stelle schreibt sie dann doch über ihr Gotteserlebnis mit Hilfe ekstatisch glühender Bilder:

O du gießender Gott in deiner Gabe!
O du fließender Gott in deiner Minne!
O du brennender Gott in deiner Sehnsucht!
O du verschmelzender Gott in der Einigung mit meinem Leib!
O du ruhender Gott an meinen Brüsten!
Ohne dich kann ich nicht mehr sein.

Da die Gotteserkenntnis eine ausschließlich innerliche Angelegenheit ist und sich im Seelengrunde ereignet, sind alle Formen der verfassten Religiosität nicht nützlich sondern eher hinderlich. Rational und begrifflich arbeitende Theologie wird ebenso abgelehnt wie organisierte Formen der Frömmigkeit. Man benötigt kein Dogma und keinen Katechismus, keinen Ritus und keine verordneten Gottesdienstformen, keine Kirche und keine kirchliche Obrigkeit. Das alles sind Ausgestaltungen der äußeren Erscheinungswelt, die den Weg zu Gott nur verbauen.
Unter diesen Voraussetzungen ist es kein Wunder, dass sich Mystiker in allen Kulturen ständig mit dem Vorwurf der Ketzerei und der Häresie konfrontiert sahen. In Europa hat die Inquisition klar die Gefahr erkannt, die der Kirche drohte und die Mystiker immer wieder bekämpft. Zahlreiche Mystiker haben ihr Leben auf dem Scheiterhaufen beendet. Auch Meister Eckhard entging der Verurteilung durch die Inquisition nur dadurch, dass er vor Abschluss des Verfahrens verstarb.

4.2 Die Brautmystik
Die Brautmystik geht von dem Bemühen aus, mystische Erfahrung mit dem Bild einer Hochzeit anschaulich und verständlich zu machen. So wie sich Braut und Bräutigam begegnen, so begegnen sich Gott und die Kirche oder Jesus und die Seele. Grundlage und Ausgangspunkt für diese Vorstellung war das Hohelied der Liebe aus dem Alten Testament.
Heute weiß man, dass das Hohelied der Liebe eine Sammlung durchaus weltlicher Liebeslyrik ist, die in freier und offener Form die erotische Beziehung zwischen Mann und Frau feiert. Die Stücke entstanden in unterschiedlicher Zeit; die ersten wohl schon am Hof Salomos im 10. Jahrhundert vor Christi Geburt. Wie diese Sammlung ihren Weg ins Alte Testament finden konnte, lässt sich nur schwer nachvollziehen.
Die mittelalterlichen Theologen haben das Hohelied der Liebe später jedenfalls als Beschreibung einer Heiligen Hochzeit christlich interpretiert. Eine andere Möglichkeit gab es offensichtlich für sie nicht.
Bereits Gregor von Nyssa (334 – 394) vergleicht in seinen Reden zum Hohelied die Sehnsucht der Menschenseele, Gott zu begegnen mit der Sehnsucht von Braut und Bräutigam.
Im Laufe der Zeit wurden die Motive und Bilder der Heiligen Hochzeit immer farbiger ausgestaltet. In diesem Zusammenhang muss besonders Bernhard von Clairvaux (1090 – 1153) erwähnt werden, der gerade auch die erotische Komponente verstärkt ins Spiel gebracht hat.
In seinen mystischen Predigten über das Hohelied (Sermones in Cantica Canticorum) kreisen seine Gedanken um das göttliche Wort und die menschliche Seele, symbolisiert durch Braut und Bräutigam. So nimmt er z.B. einen Satz aus dem Hohenlied auf:

Er küsste mich mit den Küssen seines Mundes

An einer anderen Stelle schreibt er:

Glücklich die Seele, die so zarte Umarmung erfahren darf! Es ist ja nichts anderes als die heilige und keusche Liebe, die zarte und süße Liebe, die ebenso heitere wie lautere Liebe, die innige und starke Wechselliebe, welche nicht zwei in einem Fleische, sondern zwei in einem Geiste verbindet und nicht zwei zwei sein lässt, sondern zwei zu einem macht.

Gleichzeitig warnt Bernhard von Clairvaux (Zitiert nach [3]):

Hüte dich jedoch zu glauben, wir dächten uns diese Vereinigung des göttlichen Wortes mit der Seele als einen körperlichen oder einbildungsmäßigen Vorgang! ....
Diese Vereinigung geschieht also im Geiste; denn Gott ist ein Geist und er begehrt nur nach der Schönheit einer Seele, die er im Geist wandeln und nicht der Befriedigung fleischlicher Genüsse leben sieht, zumal wenn Gott erkennt, wie die Seele in Liebe zu ihm entbrennt.

Verständlicher Weise gelingt bei weitem nicht allen jungen Ordensfrauen die Übertragung der versagten irdischen Brautschaft auf den himmlischen Geliebten in der von Bernhard von Clairvaux geforderten Form. Oftmals wird von psycho-pathologischen Erscheinungen berichtet, vor allem dort, wo härteste Askese und gnadenloseste Selbstpeinigung die Seele für die Ankunft des sehnlich Erwarteten vorbereiten sollen. Das mystische Erleben vieler Nonnen wird von halluzinatorischen Bildern erotischen Inhalts geradezu überschwemmt.
Mit Erschütterung nehmen wir die Zeugnisse eines verfehlten Lebens dieser höchst bedauernswerten Frauen mit ihrem sinnlosen Leiden und ihren getäuschten Erwartungen zu Kenntnis.

4.3 Das Büchlein von der Gnaden Überlast
Die Nürnberger Patriziertochter Christine Ebner (1277 – 1356) war Nonne und Priorin im Dominikanerinnenkloster Engelthal. In ihrer Schrift „Das Büchlein von der Gnaden Überlast“ beschreibt sie in 47 Kurzbiografien das Leben der Nonnen und deren mystische Erfahrungen. Siehe [ 4 ].
Am Anfang Ihres Büchleins schreibt sie:

Ich hebe hier ein Büchlein an, da findet man den Anfang des Klosters Engelthal und die Menge der Gnaden, die Gott mit den Klosterfrauen getan hat im Anfang und jetzt später…

Wir erhalten so ein sehr lebendiges Bild von den Verhältnissen in einem Kloster der damaligen Zeit. Vergleicht man die Darstellung der Christine Ebner mit den Nonnenviten, die anderen Orts in vergleichbarer Zeit entstanden sind, so sieht man, dass die Frauenmystik in vielen Frauenklöstern in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts ähnliche Formen angenommen hatte.
Eine Reihe von Zitaten soll die geistige Atmosphäre in Engelthal deutlich machen. Die Darstellung hält sich hierbei eng
an [ 1 ] und [ 4 ].

4.3.1 Via purgativa
Der erste Schritt zur Verbindung der Seele mit Jesus Christus ist die Reinigung von aller Sündenlast und allen fleischlichen Gelüsten. Durch Askese und Selbstzüchtigung versuchten die Nonnen, sich von allen irdischen Bedürfnissen zu befreien und sich durch Buße für die Begegnung mit dem Bräutigam zu bereiten. Man erstrebte die Nachfolge Jesu, besonders auch im Leiden. Was er gelitten hatte, das wollte man auch leiden.
Christine Ebner lag als zwölfjähriges Mädchen selbst bei größtem Frost nur mit einem Hemd bekleidet auf der Erde und kasteite sich mit Ruten, Dornen und Nesseln, dass sie frat (wund) wurd und also viel geblut. Der Rock klebte ihr am Rücken, dass sie lange Zeit sich nit getrauet zu leinen (lehnen) an kein Ding von Frat (vor Wunden) und Schmerzen.
Und von einer Mitschwester liest man:
Nun will ich euch kund tun von dieser Mechthild Krumpsitin. Als sie im vierzehnten Jahre war, da lag sie vor einem Altar und zwang ihre Sinne so sehr, das ihr das Blut zu Mund, Nase und Ohren heraus kam.
Unser ganzes Mitgefühl gilt diesen beiden jungen Mädchen, die ihrer natürlichen Entwicklung nach als Backfische oder Teenager eigentlich mit Freundinnen hätte lachen und schwatzen müssen und denen man jegliche Lebensfreude vorenthalten hat.
Adelheit Langmann schlug sich mit einer Igelhaut, daz daz pluet von ir floz. Sie bekennt, dass während ihres zwanzigjährigen Klosterlebens was ni ein tag on leiden nie gewesen.
Adelheit von Roth nam all tag ein disciplin (Geißelung) und waz drizzig jar ohn flaisch.
Auch Adelheit von Ingolstadt nam all tag ein disciplin.
Schwester Kunigund war gelähmt. So musste eine Nonne über ihr stehen und ihr die Geißelung verabfolgen: so must ie uber ir sten , der ir disciplin geb.
Leiden und Krankheit wurden besonders geschätzt. Man sehnte sie nahezu herbei, um dem Herren Jesus Christus möglichst ähnlich zu sein. Kunigunde von Vilseck begehrte, bis zu ihrem Tod krank zu sein. Irmgard von Eichstätt lehnte es ab, dass die anderen Schwestern zu Gott für die Linderung ihrer Leiden beteten.
Wenn man das alles betrachtet, so ist es nicht verwunderlich, dass etwa ein Drittel des Konvents jeweils im Sichhaus lag. Von den 47 Schwestern, deren Leben Christine Ebner beschrieb, lagen allein 18 Nonnen lange vor ihrem Tod in der Krankenstube.
Immer wieder liest man Beschreibungen wie diese:

Eine Schwester hieß Irmgard von Eichstätt, die war ein gar minnesamer Mensch… Nun ward sie vor ihrem Tod bettlägerig und lag bis in das zweite Jahr, so dass an ihrem Leib Löcher aufbrachen und das Blut von ihr rann...

Eine Schwester hieß Adelheid von Grindlach, die war etliche Weile siech vor ihrem Tod…

Diese Hedwig siechte vor ihrem Tod und war darin sehr geduldig…

Eine Schwester hieß Berchta Makerin von Nürnberg, die war lange vor ihrem Tod siech und hatte ein gar schmerzliches Siechtum…

4.3.2 Via illuminativa
Im nächsten Schritt ist eine Nonne dann fähig sich in einen besondern Bewusstheitszustand zu versetzen, der es ihr ermöglicht außerirdische Visionen und Auditionen zu erleben. Die Schwestern geraten in Verzückung und entrückt beschreiben sie eine phantastische Welt. Immer wieder liest man Beschreibungen wie diese:

So war selten eine Mahlzeit, ohne dass ihrer etliche vor Entzückung von Sinnen wurden, und sie lagen wie die Toten, denn sie waren wahrlich tot in Gott.

Darnach tat ihr unser Herr die große Gnade: am Mittwoch der Marterwoche, da ward sie entrückt bis zum Osterabend, und sie sah alle die Dinge, die an unserem Herrn ergangen waren; und sie bemerkte, dass er beim dritten Schlag blutete, als man ihn an der Geißelsäule schlug.

Eine Schwester hatten wir, die hieß Kunigunde von Eichstätt, und die war der Stifterin Enkelin. Die ging einmal nach der Mette als es tagte, aus dem Chor…
Sie stand bei der Türe da, wo man die steinerne Stiege in die Kirche hinab geht. Sie blickte auf den Platz, das, wo jetzt die Küche steht. Dort stand eine große schöne Linde. Die hatten alle ihre Blätter verwandelt in Morgensterne, die waren zu unterst am größten und allerschönsten. Das ging so bis in die Mitte; da verwandelten sich die Sterne und wurden, je höher hinauf, je kleiner…
Als nun die natürliche Sonne aufging, da warf sie ihren Schatten auf die Sterne; da war ein so schöner Glast, das war über alle menschliche Sinne…
Da sah sie auf den innersten Ästen zwei Vögel, die waren so groß wie die welschen Tauben und hatte auch ihre Gestalt, und waren so lauter Spiegelglas und wie klarer Beryllstein, in dem man sich ersieht. Dieses Gesicht währte, bis man das zweite Zeichen zur Prim läutete. Da verschwanden die Sterne und der Baum gewann seine natürlichen Blätter wieder.

Da ward sie in den Himmel entzückt und sah unseren Herrn in seiner Herrlichkeit sitzen und in großer Würde; sie sah seine Wunden an Händen und Füßen, und die Wunde, die ihm in seine Seite ging, die überglänzte alle…

Sechs Tage vor ihrem Tod, da hörte eine Schwester nach dem Komplet das allersüßeste Saitenspiel, das je zu hören war, außen an dem Fensterlein, bei dem sie lag…

4.3.3 Via unitiva und unio mystica
Die höchste erreichbare Stufe ist die ekstatische Vereinigung der Seele mit Christus. Diese Vereinigung wird auch von den Nonnen in Engelthal im Sinne der Brautmystik als Hochzeit mit dem Bräutigam empfunden, wobei ein stark erotischer Unterton nicht zu übersehen ist.
Adelheit Langmann, eine Mitschwester aus Engelthal schreibt in ihrem eigenen Tagebuch:

Er umving sie und druket si an sein gotlich hertz, daz si dauht, si klebet in ihm als ein wahs an ainem insigel.

Der Herr hatte alle nur erdenklichen Koseworte für sie:

…mein libe und zarte, mein gemahlin und mein swester und min kint… mein geminnte, mein schöne, mein minnesuzzes liep…dein munt smekt nach rosen und dein leip nach viol…

Christine Ebner erzählt von Träumen und Gesichten, wie sie den Herren im Klostergarten sah und ihm nachging. Sie kann an eine Stelle,

… wo sie der Herr umfing mit seinem rechten Arm und druckete sie an sich, dass sie an ihm klebet, als der ein Wachs drucket in ein Sigill.

Ihren himmlischen Bräutigam lässt sie seinerseits gestehen (Zitiert nach [ 2 ]:

Ich bin aus Liebe dein Gefangener, ich komme gern zu dir. Ich will dich mit meiner Barmherzigkeit krönen. Ich bin der Überwinder deiner Sinne...
Ich komme zu dir, wie einer, der aus Liebe tot ist. Ich komme zu dir, wie ein Gemahl zu einem Brautbett. Ich komme mit Begierde zu dir. Ich komme wie einer, der große Gabe gibt.

4.3.4 Christine Ebner im Urteil unserer Zeit
Hören wir zunächst Wilhelm Oehl, den Herausgeber des Büchleins von der Gnaden Überlast im Jahre 1924 (Zitiert nach [ 3 ]:

Was soll eigentlich dieses schwärmerische Visionsbuch im 20. Jahrhundert? Sollen wir „modernen Menschen“ uns in wundersüchtig-verzückte Mystiker verwandeln? Mit nichten! Aber wir können von jenen selig-glücklichen Engelthalerinnen lernen, wie man sich mit seiner ganzen Innerlichkeit dem Christentum hingeben kann.

Selig-glückliche Engelthalerinnen?
Wenn man mit dem Versuch einer objektiven, nüchternen und nicht von Voreinstellungen verzerrten Sichtweise eine Bewertung der Brautmystik in Engelthal und überhaupt im Mittelalter vornehmen möchte, kommt man zu einem gänzlich anderen Urteil. Man sieht bedauernswerte Frauen mit zerstörtem Körper, zerrütteter Psyche und verfehltem Lebenssinn. Ihre ekstatischen Wahnvorstellungen würde man heute als psycho-pathologisch einstufen und dem schizophrenen Formenkreis zuordnen, hervorgerufen auf Grund eines krankhaften, durch widernatürliche Praktiken der Askese und Selbstkasteiung bedingten Bewusstseinszustandes. Sie verdienen unsere mitleidende Anteilnahme.

5 Das Ebner Epitaph in der Sebalduskirche

Eine liebevolle und doch gewissenhafte Beschäftigung mit dem zunächst unscheinbar wirkenden Epitaph der Patrizierfamilie Ebner in der Sebalduskirche eröffnet ein Fenster in eine unserem heutigen Wirklichkeitsverständnis nur schwer zugängliche geistige Welt.
Die Geschichte des Klosters Engelthal zeugt von der Sehnsucht des Menschen nach einem Frieden, der nicht von dieser Welt ist. Die Gründerinnen, fromme Beghinen erhofften sich diesen Frieden durch ein Leben in Armut, Keuschheit und Gehorsam. Am Ende des 13. und zu Beginn des 14.Jahrhunderts öffneten sich die Nonnen des Klosters in Engelthal zusammen mit anderen Fr auenklöstern den Gedanken der Brautmystik. Hierbei erwies sich, dass die Brautmystik wohl eine schreckliche geistige Verirrung darstellt, die den inneren Frieden eher zerstört als dass sie ihm förderlich wäre.
Die weitere Entwicklung des Klosters Engelthal zeigt, wie schwer es ist, den Versuchungen des angenehmen Lebens zu widerstehen. Ordnungs- und Zuchtlosigkeit führten schließlich zum Ende. Damit war die Hoffnung, in Engelthal einen Ort des Friedens zu schaffen, ein für alle Mal zerstoben.

Literatur

[ 1 ] Voit, Gustav; Engelthal – Die Geschichte eines Nürnberger Dominikanerinnenklosters im Nürnberger Raum; Verlag Korn und Berg, Nürnberg 1977

[ 2 ] www.opus-magnum.de/wehr/hochzeit/html/kap007.html

[ 3 ] Wehr, G.; Die deutsche Mystik; Anaconda Verlag, Köln 2006

[ 4 ] Ebnerin Christine; Das Büchlein von der Gnaden Überlast; Hrsg. Oehl, W.; Verlag Ferdinand Schöningh; Paderborn, 1924